Welches Umfeld lässt Ideen am Arbeitsplatz sprudeln? Robert Gerlach skizziert die acht Werte einer kreativen Unternehmenskultur. Nürnberg, 24. April 2012
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Markus Bankl, IBM Deutschland: Ich würde Sie zum Einstieg bitten, ein paar Sätze über sich zu sagen, denn Sie haben ja einen sehr spannenden beruflichen Werdegang.
Robert Gerlach, IQudo : Ich bin ursprünglich Diplom-Wirtschaftsingenieur und bin in New York in einer Werbeagentur quer eingestiegen. Dort habe ich im Kundenkontakt gearbeitet, zuerst als Praktikant und dann habe ich festgestellt, dass das Kreative mich mehr anzieht und bin dort ins Creative Department gewechselt. Seitdem hat mich das Thema Kreativität nicht mehr losgelassen. Dann gab es verschiedene Stationen in der Werbung, in Paris und Hamburg, wo ich auch für eigene Kunden gearbeitet habe. Irgendwann kam dann eine Weltreise dazwischen, bei der ich mir ein paar Sinnfragen gestellt habe, was mit so einer Weltreise auch verbunden ist. Man hat ja auch viel Zeit. Und dabei kam heraus, dass mich die Werbung nicht mehr so interessiert hat und als Folge habe ich mich dann mehr den Menschen gewidmet und wie man ihre Kreativität fördern kann. Daraus ist dann IQudo entstanden.
Markus Bankl: Sie haben quasi beide Seiten der Medaille gesehen. Zum einen Kreativität in der Praxis selber ausübend und zum anderen als Berater, der das Thema Kreativität Mitarbeitern vermittelt.
Robert Gerlach: Ja, das ist ein sehr guter Punkt, den Sie da anbringen. Weil diese praktische Erfahrung, also selbst Ideen entwickelt zu haben, ist unentbehrlich, um ein guter Kreativtrainer zu sein. Wenn man es als Kreativtrainer mit Kreativitätstechniken versucht, dann kennt man die Gefühle gar nicht unbedingt, die man als Kreativer hat, wenn man unter Druck nachts um drei da sitzt und keine Ideen hat. Seine einzige Ressource, seine einzige Daseinsberechtigung ist die eigene Ideenkraft. In solchen Momenten kommen Existenzängste. Am nächsten Morgen keine Ideen abzuliefern, das heißt so viel wie: "Ich habe keine Arbeitskraft oder ich habe meine Arbeit nicht getan". Also Arbeitsverweigerung im weitesten Sinne. Kreativität hat sehr viel mit Gefühlen zu tun, was zum Beispiel in Kreativitätstechniken nicht unbedingt gefördert wird.
Markus Bankl: Besonders in vielen wissenschaftlichen Artikeln wird Kreativität häufig als der entscheidende Faktor für Unternehmen gennant, um mit steigender Zahl von Veränderungen und erhöhter Komplexität erfolgreich umzugehen. Daraus abgeleitet die erste Frage: Welche Rolle spielt Kreativität Ihrer Meinung nach für ein Unternehmen, um auch in der heutigen Zeit wirtschaftlich erfolgreich zu sein?
Robert Gerlach: Nun das beste Beispiel ist zur Zeit sicherlich Apple und Steve Jobs. Ein visionärer Unternehmensführer, der mit Mut und innovativen Produkten ganze Branchen umkrempelt und während der Finanzkrise 2008/2009 mit seinem Unternehmen Rekordgewinne und Rekordumsätze eingefahren hat. Also vollkommen losgelöst von der Finanzkrise ganz normal weiter macht, als ob nichts passiert wäre. Wenn man die Studien der BusinessWeek heranzieht, die jedes Jahr die innovativsten Unternehmen der Welt kürt, ist Apple seit 2005 auf Platz eins. Wenn man nun zwei und zwei zusammenzählt, dann kann man sagen Innovation ist gleich Gewinn.
Gut, so einfach ist die Gleichung natürlich nicht. Denn Innovation ist mit sehr vielen Risiken verbunden, mit hohen R&D Kosten. Aber in der heutigen Zeit, im globalen Wettbewerb, wo die Chinesen schneller kopieren, als es die Polizei erlaubt und dazu auch noch günstiger in der Produktion sind, ähnlich auch die Inder, dann ist man gut beraten, wenn man fünf Minuten schneller als die Konkurrenz ist.
Markus Bankl: Wie würden Sie organisationale Kreativität definieren? Wofür steht dieser Begriff Ihrer Meinung nach?
Robert Gerlach: Organisationale Kreativität fängt ganz banal mit einem Satz an: "Warum bin ich in einem Unternehmen kreativ und in einem anderen bin ich es nicht?" Was hat Kreativität mit mir zu tun? Und was hat es mit dem Unternehmen zu tun? Ich selbst bin Diplom-Wirtschaftsingenieur, habe weder Kunst noch Graphikdesign studiert, sondern bin vor 19 Jahren in einer Werbeagentur in New York durch Zufall zum Kreativen geworden. Die Unternehmenskultur dort hat es geschafft, in mir Talente zu wecken, von denen ich gar nicht wusste, dass ich sie habe.
Über viele Jahre habe ich mir dann die Frage gestellt, warum ich in einer Agentur über mich hinaus wachse und in einer anderen so eher vor mir herdümple. Was hat das mit mir und was hat das mit der Unternehmenskultur zu tun? Diese Fragen haben mich immer getrieben. Was sind Faktoren, die Menschen dazu animieren, über sich hinaus zu wachsen? Irgendwann kam die Schlussfolgerung, dass Kreativität nicht nur etwas mit mir selbst zu tun hat, sondern, dass ich eine Funktion aus meiner Umwelt und meinen Charaktereigenschaften bin.
Markus Bankl: Ich würde gerne an dieser Stelle auf diese eine Erfahrung eingehen, über die Sie gesagt haben: "da bin ich eher vor mir her gedümpelt." Es scheint ja, dass in vielen Unternehmen eine höchst skeptische Sichtweise in Bezug auf Kreativität vorherrscht. Auch Ihre Ideenfindungsstudie von 2010 zeigt das eindeutige Ergebnis, dass lediglich 6,4% der Befragten am Arbeitsplatz kreativ sind. In diesem Bezug würde ich Ihnen gerne einmal zwei Zitate nennen, die ich aus den Unterlagen eines vom Frauenhofer Institut gesteuerten Verbundsprojekt zum Thema Kreativität entnommen habe. Darin wurden folgende kritischen Standpunkte von einzelnen Unternehmen aufgezeigt. Eines lautet: "Wir sind nicht in allen Positionen auf kreative Mitarbeiter angewiesen. Für kreative Ideen sind eher unsere Designer, Marketingfachleute und Entwickler zuständig." Und ein anderes Zitat lautet: "In unserer Branche sind Zeit, Kosten und Qualität entscheidend. Wir brauchen keine kreativen Spinner, sondern Menschen, die die Ihnen gestellten Aufgaben sorgfältig erledigen." Wie beurteilen Sie solche Aussagen?
Robert Gerlach: Jeder Mensch ist kreativ. Wenn ich als Controller eine Bilanz verschönern muss, dann brauche ich irgendwelche Ideen, wie ich diese rote Zahlen ins Schwarze drehe. Insofern ist in jeder Abteilung kreatives Denken gefragt.
Markus Bankl: Wie könnte man denn Ihrer Meinung nach Unternehmen, die solche kritischen Standpunkte vertreten, zum Umdenken bewegen?
Robert Gerlach: Zum Umdenken bewegt man viele Unternehmen, wenn die Schmerzgrenze steigt. Wenn der Gewinn schmaler wird und man feststellt, dass die Konkurrenz einen überholt. Das ist für viele Unternehmen ein Antriebsfaktor. Dann gilt die Parole: Wir müssen was verändern! Wenn die intrinsische Motivation gegeben ist, wenn ich bereit bin von meinem bisherigen Weg abzuweichen und einen neuen einzuschlagen, dann kann man auch mal über kreatives Denken nachdenken und Impulse im Unternehmen setzen, da die Führungsverantwortlichen dafür offen sind.
Markus Bankl: Wenn wir das Ergebnis der IBM CEO Global Study 2010 an diesem Punkt mit einbeziehen. Darin wurde festgestellt, dass die wichtigste Führungsqualität der nächsten Jahre Kreativität sein wird. Denken Sie, dass genau an diesem Punkte der Skepsis, es die Aufgabe der Führungskraft sein könnte, das Thema Kreativität in der Organisation voranzutreiben?
Robert Gerlach: Auf jeden Fall. Führung und Unternehmenskultur sind eng miteinander verbunden. Die Führungskraft ist diejenige die letzten Endes die Kultur vorgibt und auch vorleben sollte. Der Mitarbeiter kann ja nur so gut sein, wie der Chef es oben auch erlaubt. Wenn es nach oben eine Barriere gibt, dann ist die Fahnenstange der persönlichen Weiterentwicklung schnell erreicht. Ich komme nicht mehr weiter. Egal wie viele Ideen ich habe. Insofern ist die Führung hauptverantwortlich für die Unternehmenskultur und für die Entwicklung der Mitarbeiter.
Markus Bankl: Wie definieren Sie kreative Führung aus Ihrer Erfahrung heraus?
Robert Gerlach: Dazu haben wir ein Modell entwickelt, das acht Faktoren und Werte beinhaltet, die kreatives Handeln bedingen und fördern. Drei Werte möchte ich kurz skizzieren:
1. Autonomie. Sicherlich der bekannteste Faktor. Freiheit für kreatives Handeln. Darüber wurde schon viel geschrieben. Stichwörter hier sind Fehlertoleranz, mobiles Arbeiten oder flexible Arbeitszeiten.
2. Toleranz. Wie multikulturell ist das Unternehmen aufgestellt? Oder wie heterogen ist die Abteilung? Das habe ich damals in New York im Creative Department erfahren. Die ganze Welt hat sich dort getroffen. Wenn man gemeinsam zum Mittagessen gegangen ist, hat man Geschichten erzählt bekommen, die ich sonst nur im Abenteuerurlaub hören würde. Jeder Mensch aus einer anderen Kultur denkt anders. Wenn Sie sich zum Beispiel den Straßenverkehr in Deutschland anschauen; der wird mit Ampel geregelt. In Paris, am L'Arc de Triumphe - einer der meistbefahrenen Kreuzungen der Welt - gibt es keine Ampeln. Wenn Sie diese kulturellen Unterschiede an einem Tisch zusammen bringen, stellen Sie schnell fest, dass es nicht nur Ihre Sichtweise gibt ein Problem zu lösen, sondern auch eine ganz andere. Toleranz und Heterogenität öffnet automatisch neue Horizonte.
3. Spaß. Vielleicht fragt sich der eine oder andere: Was hat denn Spaß mit Kreativität zu tun? Ideen entstehen meistens in einer entspannten, gelockerten Atmosphäre. Nehmen wir mal den Slogan für Baden Württemberg: "Wir können alles außer Hochdeutsch." Das ist in einer Werbeagentur in Berlin entstanden. Ich nehme mal an, da saßen ein Texter und ein Art Director abends gemeinsam am Tisch und haben sich über den schwäbischen Dialekt amüsiert. Dann ist der eine wahrscheinlich auf diesen Spruch gekommen und der andere hat kräftig gelacht. Insofern hat Kreativität viel mit Spaß zu tun. Ein Unterpunkt von Spaß ist Spiel. Ideen entstehen meistens, indem man spielerisch vorgeht und experimentiert.