Wie Sie Ideen erfolgreich abschießen.
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1912. Auf der Luftfahrtschau im Pariser Grand Palais erstarrt Marcel Duchamp förmlich vor diesen Kunstwerken der Technik. Er bemerkt zu seinem Kollegen Constantin: "Die Malerei ist am Ende. Wer kann etwas Besseres machen als diese Propeller? Du etwa?"
Duchamp (1887-1968) sah etwas, das viele Maler zur selben Zeit entweder nicht wahr haben wollten oder schlichtweg ignorierten. Die Technik wird im 20. Jahrhundert die Menschen weit mehr überraschen, schockieren und begeistern als die Malerei.
2008. Der Graphiker René Guzmán erkennt, dass das goldene Zeitalter der Graphik vorbei ist. Die Preise sind verfallen. Die Arbeit wird nicht mehr wertgeschätzt. Es gibt ein Überangebot an Designern. Er konstatiert niedergeschlagen: "Mein Job hat sich in Luft aufgelöst!" Sein guter Freund Massimo, ein ehemaliger Graphiker, rät ihm einen anderen Job zu suchen, etwas das ihm Spaß macht!
1913. Marcel Duchamp hat den Schritt gewagt. Er hat die Malerei an den Nagel gehängt und experimentiert nun mit neuen Kunstformen. Während andere Maler den Weg für die Abstraktion bereiten, erklärt er die Arbeit mit Leinwand und Pinsel kurzerhand für obsolet: "Für mich ist die Malerei veraltet", lautet sein bündiges Credo. "Sie ist Energieverschwendung, keine gute Masche, nicht praktisch. Wir haben jetzt die Photographie, das Kino - soviel andere Wege um das Leben auszudrücken". Besonders angetan haben es ihm Alltagsgegenstände. Für Aufsehen sorgt er 1914 als er einen industriell gefertigten Flaschentrockner signiert und zum Kunstwerk erklärt.
2009. Bei René Guzmán hat es "Klick" gemacht. Er experimentiert nun mit Kamera, Licht und Objektiven. Er knipst alles was ihm vor die Linse kommt: Freunde, Amateurmodels, Kinder und Landschaften. Zuhause im Wohnzimmer richtet er sich ein Studio ein. Sein Schlafzimmer wird zum Umkleidezimmer, das Bad wird zum Schminkraum. Ein Jahr später schießt er sein sein erstes Stilleben für einen Energiekonzern. Arbeiten macht wieder Spaß!
1917. Duchamp reicht bei der Jahresausstellung der Society of Independent
Artists in New York ein handelsübliches Pissoir ein, das er lediglich mit R. Mutt signiert. (Fountain, 1917) Empörung bei den Juroren. Die Einsendung wird abgelehnt. Die daraufhin folgende Debatte stellt das traditionelle Kunstverständnis in Frage. Marcel Duchamp wird ein ganz Großer der Kunst des 20. Jahrhunderts. Er begründet eine neue Kunstrichtung, die "Ready-Mades". Heute gilt Duchamp als Wegbereiter für spätere Konzeptkünstler wie Joseph Beuys. Wie visionär Duchamps Kunstwerk war, beschreibt Holger Liebs 2008 in der Süddeutschen Zeitung: "Künstler von heute müssen erkennen, dass die meisten der Ideen, die sie für ihre eigenen hielten, schon Jahrzehnte, wenn nicht ein ganzes Jahrhundert auf dem Buckel haben. Wenn jedes Mal, sobald heute einer einen Eimer oder eine ausgestopfte Giraffe ins Museum hievt, die Alarmsirene 'Duchamp' heulen würde, käme der Globus nicht mehr zur Ruhe."
2015. Was René Guzmán 2015 erreichen wird ist ungewiss. Den Karrieren von Duchamp und Guzmán ist aber eines gemeinsam. Beide sehen keine Zukunft mehr in ihrem Metier und steigen aus. Ein radikaler Schritt, denn dazu bedarf es Mut! Der jetzige Job ist zwar langweilig, ungerecht oder schlecht bezahlt, aber er gibt Sicherheit. Eine scheinbare Sicherheit. Die Erfolgskurve geht nach unten und eine Wende, das sehen fast alle so die in dieser Situation gefangen sind wird es nicht geben.
Schock als Wendepunkt
Vor vielen großen Karrieren gab es irgendwann einmal einen Wendepunkt, ein schockierendes Erlebnis, das die sicher geglaubte Welt, wie ein Kartenhaus zusammen fallen ließ. Aus Schutt und Asche wuchsen plötzlich neue Gedanken gen Himmel. Die eigene Kreativität wurde wiedergeboren. Steve Jobs kommentiert seinen Rauswurf bei Apple 1985 wie folgt:
"I didn't see it then, but it turned out that getting fired from Apple was the best thing that could have ever happened to me. The heaviness of being successful was replaced by the lightness of being a beginner again, less sure about everything. It freed me to enter one of the most creative periods of my life." - Steve Jobs (Stanford Commencement Speech 2005)
Die Kraft der Gefühle
Psychologen grenzen die Wut vom Ärger ab, indem sie von einem "höheren Erregungsniveau" und stärkerer Intensität sprechen. Im Geschäftsleben hingegen gilt es als Charakterstärke, sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, sondern die Contenance zu wahren. Das mag im Meeting richtig sein, für den eigenen Veränderungsdrang ist es jedoch wichtig auf seine Emotionen zu achten. Extreme Gefühle wie Ehrfurcht vor dem Können der Anderen oder Wut über die aktuelle Arbeitssituation waren Auslöser bei Duchamp und Guzmán. Gefühle wie Ehrfurcht oder Wutanfälle sind gute Indikatoren dafür, dass etwas mit dem aktuellen Lebensweg nicht stimmt. Man strebt nach Größerem oder zumindest nach Anerkennung für die eigene Leistung, die nicht mehr gegeben wird.
Ein starkes Gefühl wirkt wie ein Erdbeben. Je stärker es uns erschüttert, desto verheerender sind die Folgen. Wo wir auch hinblicken Schutt und Asche. So eine Katastrophe hat auch ihr Gutes. Sie bietet uns die Chance zum Neuaufbau. Duchamp und Guzmán experimentierten auf einer grünen Wiese. Keine Restriktionen. Freie Bahn zum Entfalten. Der einzige Wegweiser ist das eigene Interesse. Das ist ein Schlüssel zum Erfolg; sich an den eigenen Haaren aus dem Schlamassel ziehen und seiner Nase folgen. Sich dem verschreiben, was einen tief innen bewegt. Ein Neuanfang ist immer schwer. Man muss dabei nicht alle Brücken hinter sich zerschlagen wie Duchamp. Guzmán arbeitet weiter als Graphiker, aber jede freie Minute widmet er sich seiner neuen Liebe.
1. Messen Sie Ihre Gefühle. Legen Sie sich eine Skala wie bei einem Seismographen an. Zeichnen Sie Ihre Beben auf. Bewundern Sie andere Menschen für ihr Können? Ärgern Sie sich über Ihren Job? Halten Sie es fest. Notieren Sie auf einer Graphik Ihre Gefühle. (horizontale Skala: Anzahl der Tage, vertikale Skala: positive und negative Gefühlsmomente.) So bekommen Sie ein Abbild über Ihre Zufriedenheit im Leben.
2. Bereiten Sie sich auf Ihre neue Liebe vor. Fragen Sie sich, was Sie schon immer einmal tun wollten. Von was träumen Sie? Lassen Sie Ihren Gedanken freien Lauf! Gehen Sie nicht nach Sinn und Zweck vor, sondern lediglich nach Lust und Laune. Seien Sie einfach mal verrückt! Warum auf den Karneval warten. Das Leben kann jeden Tag Spaß machen. Setzen Sie sich auch nicht unter Druck. Lassen Sie sich Zeit. Der auslösende Moment kann Tage, Monate oder sogar Jahre dauern. Es gilt die alte englische Maxime: "Good things come to those who wait!"
3. Üben Sie den Absprung. Das Schwierigste beim Aus- bzw. Umsteigen ist der Sprung ins kalte Wasser. Duschen Sie morgens kalt. Die eisige Brause am Morgen ist eine Schrecksekunde, die Sie aus Ihrer heilen Welt heraus reißt. Kalt zu duschen erfordert Überwindung. Wie jede Veränderung auch. Spüren Sie dann nach. Wie fühlen Sie sich nach der kalten Dusche?
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Danke an Christine Baur für inhaltliche Korrekturen und Ideen.